Das Londoner Kabinett von Edward B. Graf. Raczynski

London 8, Lennox Gardens – unter dieser Adresse hat Edward Bernard Raczyński, der Staatspräsident von Polen im Exil, 26 Jahre seines Lebens im Exil verbracht. Eben in diesem Kabinett hat er seine offiziellen Gäste, Freunde und Familie aufgenommen. Dieser Ort ist nicht nur im Gedächtnis von vielen Personen geblieben. Hier wurde die Geschichte Polens geschrieben. Heutzutage findet man das originalgetreu nachgebaute Kabinett im Nordflügel des Rogalin-Palastes. Dies war möglich dank der Übergabe der vollständigen Ausstattung des Kabinetts durch Familie Raczyński an die Raczyński-Stiftung beim Nationalmuseum in Posen.

Jan Nowak-Jeziorański erzählt folgendes über das Londoner Haus von Edward B.Raczyński: „Zu seiner bescheidenen Wohnung zogen ohne Pause Pilgerfahrten aus Polen heran. Er wurde von Lech Wałęsa besucht, drei Ministerpräsidenten, amtierenden Politikern, Schriftstellern und Künstlern. Er nahm alle mit derselben Schlichtheit und Herzlichkeit auf.“ Er hat den Leuten und seiner Heimat mit klugem Wissen und ausgewogenen Meinungen gedient.

In seinem Kabinett hat Edward B. Raczyński trotz des Verlustes seines Sehvermögens an der Übersetzung aus dem Französischen des Tagebuchs seiner Verwandten Wirydiana Fiszerowa gearbeitet, das 1975 unter dem Titel Meine eigene Geschichte und die von Dritten (Dzieje moje własne i osób postronnych) herausgegeben wurden. Dabei haben ihm auch seine Töchter und Enkel aus der Presse und Literatur vorgelesen.

Das Kabinett war mit Erbstücken und Andenken gefüllt: alte Möbel, Familienfotos, erhaltene Portraits der Ahnen, Ausblicke aus der Raczyński-Residenz u.a. in Rogalin. Es sind hier sowohl alltägliche sowie auch ganz ungewöhnliche Gegenstände zu finden, wie z.B. eine hinter dem historischen Wandschirm verborgene Waage, auf der Edward Raczyński täglich sein Gewicht prüfte, ein Londoner Adressbuch mit der Handschrift einer Telefonnummer von Winston Churchill oder ein Foto der Unterschrift des polnisch-englischen Übereinkommens über die gegenseitige Unterstützung mit Autogrammen der Teilnehmer dieses Ereignisses.

Dieses Kabinett überrascht mit seiner Schlichtheit und Bescheidenheit, es ist ein ungewöhnlicher Ort, wie es Edward B. Raczyński selbst war, ein großformatiger Mensch, kein Snob, ohne Eitelkeit und Hochmut, dessen ganzes Leben ein Zeugnis von klugen und schönen Dienste an seine Heimat und Nation war. Zusammen mit den persönlichen Andenken von Edward Bernard Raczyński sind im Vorraum des Kabinetts Andenken seines Bruders Roger Adam Raczyński ausgestellt, darunter ein Diplomatie-Frack aus der Zeit, als er polnischer Botschafter in Rumänien war.

Autor: Joanna Nowak