Hendel-Bibliotek

Die Bibliothek, die heutzutage Hendel-Bibliothek genannt wird, war bis 1939 einer der ansehnlichsten Räume der Residenz in Rogalin, nicht nur aufgrund der imposanten Abmessungen (12m Länge, 8,5 Breite und 8m Höhe) aber auch wegen der reichlichen neobarocken Ausstattung. Ihre Inneneinrichtung wurde in den Jahren 1893-1894 nach dem Entwurf von Zygmunt Hendel ausgeführt, der von Edward Aleksander Raczyński angestellt wurde. Es war der erste bedeutende Auftrag für den damals noch unbekannten Architekten aus Krakau und Absolventen einer Kunstakademie in Wien.

Mit prachtvollen Schnitzerarbeiten geschmückt wurde die Eichenbebauung aus gewachstem Eichenholz mit goldenem Schimmer errichtet. Die Schranktüren der oberen Etage wurden mit einem Verzierungsnetz aus Messingdraht geschmückt und die untere Verglasung mit vergoldeten Rahmen aus Bronze mit prächtigen Pflanzenverzierungen eingefasst. Ein leichtes, geschmiedetes Geländer mit Vasenmotiven und Blumenfeston schloss die Galerie in der 1. Etage ab. Die Dekoration wurde mit einem Kamin aus schwarzem Marmor ergänzt, mit dem Portrait des Vaters des Stifters in geschnitzten Rahmen und einem 3,7m hohen Ofen und den Familienwappen Nałęcz von Raczyński und Pilawa von Potocki an Stuckdekor-Decke, die darüber informierten, dass die Bibliothek als gemeinsames Werk von Edward Aleksander Raczyński und seiner Ehefrau Róża Potocka entstand.

Die Arbeiten in der Bibliothek wurden von polnischen Werkstätten ausgeführt, was von der patriotischen Denkungsweise des polnischen Adels während der Teilungen Polens zeugte. Wie Z. Hendel in seinem Aufsatz der Architekt über die Errichtung der Bibliothek berichtete: „Alles wurde mit polnischen Arbeitskräften geschafft und so die Tischlerarbeiten in der Fabrik von J. Zeyland in Posen realisiert, die Skulpturen mit der richtigen Finesse im Eichenholz von W.Wakulski in Krakau hergestellt. Die schmuckvollen Gitter der Geländer (35 l. m) wurden von J. Górecki in Krakau hergestellt. Nur die Deckendekoration wurde von dem Italiener M. Biagini in Posen hergestellt, da ich einen polnischen Dekorations-Bildhauer mit entsprechendem Gefühl für die Form vermutlich nicht finden würde”. Die Dekoration der Bibliothek, die im alten Festsaal im Obergeschoss neben der Rüstkammer aus dem 19. Jh. platziert wurde, was zusätzlich ihre Bedeutung betonte, knüpfte stilistisch an die Anfänge der Palastgeschichte und der Ahnen von Edward Aleksander an. Dafür spricht nicht nur die Auswahl der neobarocken Formen der Inneneinrichtung, aber auch das Zurücklassen des Kamins nach dem Willen des Stifters aus dem Anfang des 20. Jh., das Hervorheben der barocken Wiege aus der Zeit von Kazimierz Raczyński und schließlich die Anbringung der Initialen von Roger Raczyński, dem Vater des Stifters und seines Großvaters Edward Raczyński, in Schnitzer-Dekorationen an den Fenstern und Türen.

Die kostbare und luxuriöse Büchersammlung in der Bibliothek über Kunst, die Kern der Interessen des Gründers der Galerie in Rogalin war, war für diese Zeit eine der besten und größten Gemäldesammlungen auf polnischem Boden, bestand aus elf tausend Büchern und vergrößerte sich laufend. Dieser herrliche Raum überstand nicht bis zu unserer Zeit, da der Palast im 2. Weltkrieg von den Besatzern zerstört wurde. Die Holzbebauung der Bibliothek wurde damals abgenommen und die Zwischendecke

verdeckte für mehrere Jahre die Stuckdekoration. Die Büchersammlung wurde ebenso wenig erhalten, von deren ein Teil der Bücher zu Sicherungszwecken in die Raczyński Bibliothek nach Posen in die Obhut ihres damaligen Kurators Józef Raczyński aus dem verdeutschten Teil der Familie abtransportiert und bei einem Brand während der Bombardierung der Stadt zerstört wurde. 

Autor: Joanna Nowak